Das Liebesleben der Zwitter
Regenwürmer paaren sich vor allem im Frühling und im Herbst. Sie sind Zwitter, d.h. sie besitzen sowohl Hoden wie Eierstöcke. Geschlechtsreife Tiere erkennt man an einer Verdickung im vorderen Drittel des Körpers, dem so genannten Gürtel. Zur Fortpflanzung legen sich zwei Regenwürmer in entgegengesetzter Richtung eng aneinander und tauschen ihren Samen aus. Dann bilden sie einen Schleimring um ihre Gürtelregion, aus dem sie sich langsam herauswinden. Dabei geben sie Eier und Samen in den Schleimring ab. Die abgestreifte Schleimmanschette formt sich zu einem zündholzkopfgrossen Kokon. Nach wenigen Wochen bis mehreren Monaten – je nach Art – schlüpft aus diesem «Regenwurmei» das Jungtier. Der Tauwurm Lumbricus terrestris paart sich einmal pro Jahr und bildet dabei 5-10 Kokons mit je einem Ei. Der Kompostwurm Eisenia fetida paart sich hingegen häufiger und legt pro Jahr rund 140 Kokons ab, aus denen Mehrlinge schlüpfen.
Baumeister fruchtbarer Böden
Regenwürmer sind Bodenbildner. In einem durchschnittlich besiedelten Boden produzieren rund 1 Million Regenwürmer bis zu 100 Tonnen Wurmkot pro Hektar und Jahr. Dieser hochwertige Humus enthält bis zu 5-mal mehr Stickstoff, 7-mal mehr Phosphor und 11-mal mehr Kalium als die umgebende Erde. Mit diesem vorzüglichen Dünger tragen Regenwürmer entscheidend zur Nährstoffversorgung der Pflanzen bei.
Zusammen mit dem toten Pflanzenmaterial verleibt sich der Regenwurm auch grössere Mengen Mineralerde mit ein. Im Regenwurmkot finden sich deshalb so genannte Ton-Humus-Komplexe, die für eine stabile, krümelige Bodenstruktur sorgen.
Als umtriebige Tunnelbauer belüften Regenwürmer den Boden, erhöhen seine Wasseraufnahmefähigkeit und erleichtern das Wurzelwachstum. Im Obstbau erweisen sich Regenwürmer zudem als willkommene biologische Schädlingsbekämpfer: Indem sie das Falllaub der Bäume in den Boden ziehen und verspeisen, vertilgen sie auch Schadorganismen wie die Sporen des Apfelschorfs oder blattminierende Insekten.
Boden – mehr als nur Dreck
Der Regenwurm pflegt eine unserer kostbarsten Ressourcen: Der Boden ist Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen. Er bietet Lebensraum und Nahrung, sorgt für einen natürlichen Wasserkreislauf, liefert mineralische Rohstoffe und Erdwärme, ist das Substrat für vielfältige Landschaften.
Doch der Boden ist bedroht. Überdüngung, Pestizide, Schadstoffe, Verdichtung und Erosion machen ihm zu schaffen. Vor allem aber wird immer mehr lebendiger Boden überbaut. Die Siedlungsfläche in der Schweiz wächst jede Sekunde um fast einen Quadratmeter. Boden wird zunehmend versiegelt und Landschaft zerstört.
Mit der Wahl des Regenwurms zum Tier des Jahres macht Pro Natura auf den
verschwenderischen Umgang mit Boden und Landschaft aufmerksam und ruft zu deren Schutz auf.
Gefahren für den Regenwurm
Regenwürmer sind für viele Tierarten ein Leckerbissen. Zu seinen natürlichen Feinden gehören zahlreiche Vogelarten, Maulwürfe, Marder, Igel, Spitzmäuse, Erdkröten, Frösche, Feuersalamander, Hundertfüssler, Ameisen, Laufkäfer, Füchse und Dachse.
Weitere Gefahren drohen dem Regenwurm durch den Menschen: Die unsachgemässe Anwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie intensives Pflügen oder Fräsen dezimieren den Wurmbestand drastisch. Schwere landwirtschaftliche Maschinen verdichten den Boden und machen den Dauerwühlern das Leben schwer.
Der krasseste Eingriff ist die zunehmende Überbauung von Kulturland. Unter völlig versiegelten Flächen, unter Gebäuden, Parkplätzen und Strassen, existieren praktisch keine Bodenlebewesen mehr.
Was braucht der Regenwurm?
Wer den Regenwurm fördert, verhilft dem Boden zu mehr Gesundheit, Leben und Fruchtbarkeit. Wichtig ist eine schonende Bearbeitung des Bodens sowohl im Feld wie auch im Garten: Pflug und Spaten sollten nur sparsam eingesetzt werden, die Bodenfräse einzig wenn unbedingt nötig. Weiter sind Regenwürmer auf genügend Nahrung in Form von organischem Material angewiesen. Abwechslungsreiche Fruchtfolgen, vielfältige Ernteresten, eine konsequente Bodenbedeckung (Mulchen) und massvoll eingesetzter organischer Dünger (Mist, Kompost, Gülle) sorgen für ein üppiges Nahrungsangebot. Hohe Mineraldüngergaben und regenwurmschädigende Pflanzenschutzmittel sind zu meiden. Biologischer Anbau schont die Regenwürmer.
Quelle Text: Pro Natura
Link zur Quelle:
http://www.pronatura.ch